Hinweis

Ihre Browserversion wird leider nicht mehr unterstüzt. Dies kann dazu führen, dass Webseiten nicht mehr fehlerfrei dargestellt werden und stellt ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Wir empfehlen Ihnen, Ihren Browser zu aktualisieren oder einen der folgenden Browser zu verwenden:

Machen kann man das nicht

27. Sonntag im Jahreskreis
Am Ende eines Briefes stehen gute Wünsche. Auch bei Paulus. Er wünscht den Christen in Philippi den „Frieden Gottes, der alles Verstehen übersteigt“. Ein schöner Satz, aber was bedeutet er in schweren Zeiten und ausweglosen Krisen?

Evangelium

In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes: Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land.

Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte holen zu lassen. Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, wieder einen anderen steinigten sie. Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso.

Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Alsdie Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, damit wir sein Erbe in Besitz nehmen. Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.

Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt: Was wird er mit jenen Winzern tun? Sie sagten zu ihm:Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist.

Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; vom Herrn ist das geschehen und es ist wunderbar in unseren Augen? Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen. Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes bringt.

Matthäusevangelium 21,33–44

Vor einigen Jahren besuchte Josef Epp im Krankenhaus in Ottobeuren eine Frau, die gerade erfahren hatte, dass sie Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Der Klinikseelsorger kannte die Familie flüchtig, denn auch der Vater der Frau war schwer krank und in der Klinik behandelt worden. „Ich wusste, dass er mittlerweile bei der Frau und ihrem Mann lebte – und dass es kompliziert war“, sagt Epp. Das Zusammenleben sei schwierig und von häufigen Streitereien geprägt gewesen. „Und nun hat diese Frau die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs bekommen mit einer Lebenserwartung von nur wenigen Monaten.“

Epp rechnete damit, dass er im Krankenzimmer auf eine aufgelöste Patientin trifft, die unter Schock steht, die verzweifelt ist, die vor Unruhe nicht weiß, was sie tun soll. Doch das Gegenteil war der Fall: „Ich fand eine überaus gelassene Frau vor.“ Sie erzählte von ihrer Familie, von ihrem Mann und ihrem Vater. „Sie sagte, dass die beiden wie zwei missmutige Kinder seien und einfach keine gute Basis fänden. Und zugleich sagte sie: Ich gehe jetzt das, was ich noch tun und regeln kann, in aller Ruhe an und versuche, Lösungen zu finden.“

Diese Klarheit hat Epp beeindruckt. Bei den folgenden Treffen erzählte die Frau von ihren Versuchen, die familiäre Situation zu verbessern, und dass sie auch ihre erwachsenen Kinder auf die Zeit nach ihrem Tod vorbereitete. „Bei jedem Gespräch spürte ich einen tiefen, inneren Frieden bei der Frau. Sie hatte die Angst um sich und das krampfhafte Festhalten an all den Aufgaben, die sie noch erledigen wollte, aufgegeben“, sagt Epp. „Der Friede Gottes zeigte sich hier in einer großartigen Form der Gelassenheit.“

Von diesem Frieden Gottes spricht auch der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in der Stadt Philippi, aus dem wir an diesem Sonntag in der Lesung hören. „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott. Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Jesus Christus bewahren“, heißt es da.

Josef Epp ist an dieser Bibelstelle vor allem der Nebensatz wichtig: „der alles Verstehen übersteigt“. „Der Friede Gottes ist für mich die Offenheit und die Bereitschaft, darauf zu vertrauen, dass ich die Krise, in der ich gerade stecke, irgendwann und irgendwie annehmen kann – auch wenn ich diese Bejahung im Moment durch all den Nebel, den Schock und die Angst vielleicht noch nicht sehen kann.“

Was weiß ich schon?

Epp lebt im Allgäu. Beim Blick auf die Berge fällt es ihm leicht, anzuerkennen, dass etwas sein Verstehen übersteigt. „Wer bin ich schon? Was weiß ich schon? Wir müssen doch nur in die Natur oder in das Weltall schauen, um zu wissen, wie klein wir und unser Verstand doch sind. Ich kann mein Verstehen nicht zum Maßstab der Dinge machen“, sagt er. Der 69-jährige frühere Krankenhausseelsorger, der mittlerweile im Ruhestand ist, will Krankheiten, Krisen und seelische Nöte nicht kleinreden und mit einem Wink auf das Wirken Gottes beiseitewischen. „Nichts läge mir ferner“, sagt er. „Aber in einer solchen Situation kann etwas verborgen sein.“ Er denkt an den russischen Schriftsteller Alexander Solschenizyn, der einmal sagte: „Wenn ich irgendwo nicht weitersehe auf meinem Weg, dann will ich darauf vertrauen, dass nicht alle Wege des Guten verschlossen sind.“ Das macht für Epp den Frieden Gottes aus: „Es sind Wege des Guten nicht alle verschlossen.“

Er hat das selbst erlebt, als seine Frau 1993 nach einer Herztransplantation starb und er allein verantwortlich war für seine drei kleinen Kinder. Und er hat es erlebt, als 2014 seine Tochter Johanna, die von Geburt an mehrfach behindert war, an den Folgen eines epileptischen Anfalls starb. „Vor allem der Verlust meiner Tochter beschäftigt mich noch heute. Es gibt Momente, da spüre ich so deutlich, dass sie fehlt, dass mir die Tränen kommen“, sagt Epp. Dieser Verlust sei ein Teil seines Lebens geworden. „Eine prägende Erfahrung, die bitter ist, auf die ich hätte verzichten können, die aber auch vieles in mir ausgelöst hat, wofür ich dankbar bin“, sagt Epp. Heute schreibt er Bücher und hält Vorträge über Neuanfänge nach Krisen, über Resilienz und die Kraft von Glaube und Spiritualität. Er hat erfahren, dass der Friede Gottes nicht nur Ruhe und Gelassenheit schenkt, sondern auch die Kraft und Stärke, weiterzuleben.

Zugleich blickt er demütig auf seine eigene Arbeit als Klinikseelsorger zurück. Wenn er auf Patienten traf, die eine schlimme Diagnose erhalten hatten oder kurz vor einer Operation standen, deren Ausgang ungewiss war, hat er immer wieder erlebt, wie gefasst sie waren – und wie überrascht von sich selbst. „Die Frau mit dem Bauchspeicheldrüsenkrebs staunte über ihre eigene Gelassenheit angesichts des Abgrunds. Sie nahm es sogar ein Stück weit mit Humor und musste bei einigen Anekdoten aus ihrer Familie herzhaft lachen.“

Diese Ruhe war nicht gespielt, sagt Epp. Diese Ruhe war aber auch nicht sein Werk. „Ich kann den Frieden Gottes nicht machen“, sagt er. „Das ist keine Leistung, die wir bringen können. Ich habe auch keine spirituelle Handreichung, die auf jeden Fall funktioniert, um ihn zu finden.“ Der Friede Gottes sei nicht vermittelbar oder verfügbar. Epp sagt: „Der Friede Gottes ist Gnade und Geschenk.“

Kerstin Ostendorf

Zur Person

Josef Epp hat als Religionslehrer, in der Ausbildung von Lehrkräften und als Klinikseelsorger gearbeitet. Er schreibt Bücher und ist ein gefragter Referent in der Erwachsenenbildung. Er ist verwitwet, Vater dreier Kinder und lebt im Allgäu.

nach oben